Bamberg nach dem Krieg –
echte Erinnerungen

Eine UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt in Trümmern. 301 Gebäude zerstört, 367 schwer beschädigt. Und mittendrin: Kinder, die barfuß über Kopfsteinpflaster liefen und Eisblumen an den Fenstern bestaunten. Albert Parsch, geboren am 2. Juni 1945, erzählt in Eisblumenkind von dieser Zeit – persönlich, ehrlich und unvergesslich.

Geschichten

Erinnerungen aus der Nachkriegszeit

Erste Erinnerungen – Die Altenberger Straße

Eine enge Wohnung ohne fließend Wasser, kalte Böden und Eisblumen am Fenster. Die ersten Bilder einer Kindheit, die zwischen Kälte und der Wärme der Großmutter begann.

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Stunde Null – Der 13. April 1945

Amerikanische Panzer rollen über den Volkspark. 45-jährige Männer gegen Sherman-Panzer. Eine Stadt zwischen Zerstörung und dem zaghaften Neubeginn.

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Weihnachten 1950 – Eine Orange als Geschenk

Ein schiefes Tännchen, Lametta als „Engelshaar“, rote Kerzen in silbernen Klemmen – und eine einzige Orange unter dem Baum, die zum kostbarsten Geschenk des Lebens wurde.

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Meine Schuhe – Barfuß durch Bamberg

Im Sommer barfuß über Glasscherben und Stacheldraht, im Winter in Hausschuhen zur Kaulbergschule, weil die Schuhe beim Schuster waren.

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Die Altenburg – Unser „Camelot“

Die mächtige Burg war unser „Camelot“. Wir schlichen uns auf den Bierwagen der Brauerei Michaelsberg und ließen uns hochfahren – bis der Kutscher uns als „Hundskrüppel“ beschimpfte.

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Winterzeit – Hörnerschlitten am Sausberg

Schneemann mit Kohleaugen, Hörnerschlitten die Altenburg hinunter, bauchlängs im Schnee. „Mach mi nä Bauchi!“ Blaugefroren, aber heim wollte keiner.

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Erste Erinnerungen – Die Altenberger Straße

Ich war etwa drei Jahre alt. Wie jeden Tag stand ich mit meinen knöchelhohen, gelb-braun karierten Filzhausschuhen mit dem braun lackierten Hakenverschlüssen auf einem kleinen Holzschemel, der vor langer Zeit einmal weiß lackiert war und es mir erlaubte, vom Dachgaupen-Fenster im zweiten Stock hinunter auf die Altenberger Straße zu schauen.

Eine lange Zeit war das nicht möglich, der zurückliegende Winter war bitterlich und viel zu lang. Die bizarren Eisblumen am Fenster hatten jeden Blick nach außen versperrt, die konnte man stellen, soviel man wollte, sie würden in keiner Schublade welken oder verderben.

Aber jetzt waren die schwarzblauen hölzernen Winterfenster abgenommen und auf dem Dachboden verstaut. Und ich konnte endlich wieder in meine Welt hinausblicken. Vor dem Haus in der Altenberger Straße 41 spielten Kinder. Ich kannte sie alle, wenn auch nur vom Sehen.

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Stunde Null – Der 13. April 1945

Wir schreiben das Schicksalsjahr 1945. Im Januar richten in der Folge alliierter Luftangriffe auf die Stadt Nürnberg Bombenabwürfe im Bereich Bambergs beträchtliche Schäden an. Am 14. Februar verzeichnet ein Angriff mit Spreng- und Stabbrandbomben, der eigentlich für Dresden vorgesehen war, im Bahnhofsbereich nahezu hundert Menschenleben. Und nur wenige Tage später, am 22. Februar, wird der Bamberger Bahnhof erneut und diesmal gezielt getroffen; weitere 216 Menschen sterben.

Am Nachmittag des 13. April 1945 war es dann soweit. Die verängstigten Bamberger Bürger suchten Schutz in den Luftschutzkellern der Stadt. Von Bischberg und Gaußstadt her kamen die ersten amerikanischen Soldaten – ausgemergelt, vollgeladen, rauchend und kaugummikauend.

In Bamberg wurden 301 Gebäude und vier Brücken völlig zerstört, 367 Gebäude schwer und 3.442 leicht beschädigt. Post und Bahn befanden sich nicht mehr in Betrieb. Nirgends Strom, kein fließendes Wasser.

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Weihnachten 1950 – Eine Orange als Geschenk

Weihnachten 1950 war ein Fest, das ich nie vergessen werde. Tage vorher hatte Oma ein Tännchen mitgebracht, nicht besonders groß, nicht besonders dicht und alles andere als ebenmäßig. Dafür sicherlich billig. Am Heiligen Abend wurde der Baum gemeinsam liebevoll geschmückt. Erst mit Lametta, das Oma geheimnisvoll als „Engelshaar“ bezeichnete, dann mit roten Kerzen, die vorher in silberfarbene Klemmen gesteckt wurden. Einige Glaskugeln, vielleicht sogar ein gläsernes Vögelchen. Auf jeden Fall krönte eine silberfarbige Glasspitze das Bäumchen, das für mich das schönste der Welt war.

Meine Oma, Tante Gunda und ich hatten unsere guten Kleider angezogen. Heute trug ich zum ersten Mal und voller Stolz meinen neuen roten Pullover. Der gehörte vorher meiner Tante Gunda und war an den Ellbogen komplett aufgescheuert. Oma hat ihn aufgetrennt, die Fäden aufgedröselt und dann einen neuen Pullover daraus gestrickt.

Mit mäßigem Erfolg versuchten wir nun, „Stille Nacht, Heilige Nacht“ so würdevoll wie möglich zu singen, und dann kam der große Moment, die Bescherung. Unter dem Weihnachtsbaum lag eine echte Orange, ganz für mich allein! Ich stellte mir die Frage, welchen Weg diese Frucht hinter sich hatte, um zu mir zu gelangen. Ich war ganz närrisch vor Freude, habe in den folgenden Tagen mit leuchtenden Augen davon erzählt und meine Orange gehütet wie einen Schatz. Sie zu essen, wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dafür war sie viel zu wertvoll. Also habe ich sie bewahrt, bis sie verfaulte.

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Meine Schuhe – Barfuß durch Bamberg

Mit Beginn des Sommers legten wir Kinder Kniestrümpfe und Schuhe ab. Alle liefen barfuß, den ganzen Sommer lang, bis der Boden wieder zu kalt wurde. Am Anfang spürte man noch jedes kleine Steinchen an den Fußsohlen, aber mit der Zeit wurde es angenehmer. Die Hornhaut wurde dicker, und wenn man nicht gerade das Pech hatte, in eine bösartig unterm Gras versteckte Glasscherbe, einen Nagel oder ein rostiges Stück Stacheldraht zu treten, kam man ganz gut durch den Sommer.

Ich besaß halbhohe schwarze Schnerstückel(?) mit einer dicken Ledersohle, die mit kleinen Holzstiften am Schaft befestigt war. Sie waren schwer, schmerzhaft, zu groß und viel zu grob. Nur zu schnell war der Absatz schief, die Sohle durchgelaufen.

Immer musste ich im Winter den langen Weg zur Kaulbergschule in Hausschuhen zurücklegen, durch Schnee und Matsch, weil meine Schuhe gerade mal wieder beim Schuster waren. Die Erinnerung an die oft trostlosen Winter meiner Kindheit wird von herrlichen Schlittenfahrten und Schneeballschlachten bis heute untermalt mit immer kalten und nassen Füßen.

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Die Altenburg – Unser „Camelot“

Regelmäßig lenkte der Bierkutscher die zwei stämmigen Rösser mit dem schweren Leiterwagen der „Brauerei Michaelsberg“ die Altenberger Straße hinab, lieferte Bierfässer und Eitstangen in „Burgfriedels“ ab, um sich anschließend auf den langen und steilen Weg hinauf zur Wirtschaft auf der Altenburg zu machen.

Die mächtige Altenburg mit ihren drei Wehrtürmen, erbaut im 15./16. Jahrhundert, war unser absoluter Lieblingsort, unser „Camelot“. Hier waren wir Ritter und hierher zog es uns trotz des langen und beschwerlichen Gehweges fast täglich.

Einmal haben wir uns auf dem Wagen versteckt, während sich der Kutscher in der Wirtschaft aufhielt. Anschließend haben wir uns zu unserer „Burg“ hinauffahren lassen. Der Bierkutscher hat fürchterlich getobt, als wir, oben angekommen, vom Wagen sprangen und davonrannten. Als „Hundskrüppel verreckte“ beschimpfte er uns und drohte uns die schrecklichsten Strafen an. Wir haben das nie mehr gewagt.

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Winterzeit – Eis auf der Regnitz

Sobald der erste Schnee gefallen war, bauten wir gemeinsam und hingebungsvoll einen lebensgroßen Schneemann mit Kohleaugen und einer Möhre als Nase. Und manchmal verpassten wir ihm auch einen Topf als Hut.

Nach der Schule stiegen wir auf unsere ledernen Schulranzen und rutschten bei den Treppen hinunter, oder wir verabredeten uns für später zum Schlittenfahren oben auf dem Sausberg. Bei günstigem Wetter nutzten wir unsere Hörnerschlitten den langen Weg hinauf zur Altenburg und sausten die große Abfahrt hinunter. Wer ganz mutig war, legte sich bauchlängs auf den Schlitten. „Mach mi nä Bauchi!“

Bremsen war verpönt, das galt als feige und keiner wollte fahren „wie ein Mädchen“. Eine verräterische Schneeablagerung an den Hosenbeinen oder langen Strümpfen wurde hämisch kommentiert: „Haha frei – Kartoffelbreä, Schneepflug is a diä!“ Wir waren immer blaugefroren vor Kälte, unsere roten Nasen troffen, Fuß- und Fingerspitzen spürten wir schon lange nicht mehr, aber heim wollte keiner: Schnee war toll!

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Zeitstrahl

Bamberg 1945–1955

1945

13. April: Amerikanische Truppen besetzen Bamberg. 301 Gebäude zerstört. Am 2. Juni wird Albert Parsch in einer stürmischen Sommernacht geboren.

1946/47

Der Hungerwinter. Lebensmittelkarten bestimmen den Alltag. Kohlenot. Temperaturen bis minus 20 Grad. Eisblumen an jedem Fenster.

1948

20. Juni: Währungsreform. 40 D-Mark Kopfgeld für jeden. Plötzlich gibt es wieder Waren in den Läden. Ein Dollar hat 4,20 DM.

1950

Einschulung in der Kaulbergschule. 2.000 Bamberger Straßenleuchten funktionieren wieder. Der erste Fernseher trifft ein.

1952

Albert Parschs Mutter heiratet Albert Roth. Umzug in die Görnerstraße. „Zucht und Ordnung“ – ein neues Kapitel beginnt.

1955

Rock’n’Roll erreicht Bamberg. Bill Haley, Elvis Presley. Erstkommunion. Das Wirtschaftswunder nimmt Fahrt auf.

Bamberg

Damals & Heute

Bamberg in der Nachkriegszeit – Kinder in den Straßen, circa 1946

Nachkriegszeit

Bamberg heute – Klein Venedig an der Regnitz, UNESCO-Weltkulturerbe seit 1993

UNESCO-Weltkulturerbe seit 1993